Folge 093 - In Rekordzeit mit dem Rollstuhl durch Norddeutschland?

Das hat Boris Guentel tatsächlich geschafft. Der ehemalige Selbstständige führte bis 1993 ein agiles Leben, war ständig in Bewegung und übte mehrere Sportarten aus. Ein unverschuldeter Autounfall warf ihn aus der Bahn. Seinen Beruf als Reha-Techniker konnte er anfangs zwar noch ausüben, hatte jedoch enorme Probleme mit dem Bewegungsapparat. "Man schlägt sich aber trotzdem irgendwie durch", sagt Guentel, womit sich seine Hartnäckigkeit, dem Schicksal zu trotzen, bereits andeutet. 1998 schlug es allerdings in Form eines lebensbedrohlichen beidseitigen Pneumothorax erneut zu - seine Atmung versagte. Auch dies überstand er allen Aussagen der Ärzte zum Trotz. 2004 folgte ein Schlaganfall, der ihn letztlich zum Rollstuhlfahrer machte.

Mit dem Rollstuhl und seinem davor montierten Handbike, legte er am 8. August 2015 über 300 Kilometer von Cloppenburg nach Kappeln an der Schlei zurück. Dies gelang ihm in herausragenden neun Stunden und 55 Minuten - eine sportliche Leistung, die einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde verdient hat.

Aus dem Leben gerissen

Als Reha-Techniker hatte es sich Boris Guentel zur Aufgabe gemacht, anderen Menschen zu helfen. Nach seinem Unfall konnte er der selbstständig ausgeübten Tätigkeit, seinem Traumberuf, nur noch eingeschränkt nachgehen, biss aber sprichwörtlich die Zähne zusammen. Als er 1998 aufgrund der Lungenproblematik überraschend ins Krankenhaus musste, wurde ihm gesagt, es sehe nicht gut aus. Bei seiner Entlassung waren die Worte der Ärzte noch wesentlich drastischer: "Machen Sie sich noch ein paar schöne Wochen und wenn Sie Glück haben ein paar schöne Monate, aber Weihnachten werden Sie nicht mehr erleben".

In der folgenden Zeit konnte er sich kaum noch ohne fremde Hilfe bewegen, beruflich bedeutete es das Aus. Sämtliche Versuche, eine Umschulung bewilligt zu bekommen, wurden vom Arbeitsamt abgelehnt. Dennoch gab Boris Guentel nicht auf: "Die gesundheitlichen Vorfälle waren böse, die waren richtig böse für mich, aber kein Grund, zu sagen, so - ich lege jetzt die Hände in den Schoß, mache einfach gar nichts mehr und bedauere mich nur noch selber von morgens bis abends." Allerdings durfte er feststellen, dass es für einen Behinderten gar nicht so einfach ist, Arbeit zu finden. Und so traf er die Entscheidung, sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einzusetzen.

Ein Leben als erfolgreicher Behinderter

2004 spürte er ein Kribbeln im Kopf und konnte plötzlich die Hand nicht mehr von der Computer-Maus lösen. Mehr noch: Die gesamte rechte Seite war bewegungslos und Boris Guentel konnte nur noch stammeln. Dies hat ihm endgültig ein Leben im Rollstuhl beschert. Ansonsten ist er nach eigener Aussage bis auf einige Erinnerungslücken und gelegentliche Sprachfindungsstörungen fast wieder der Alte. Dies begründet Guentel wie folgt: "Ich habe meinen Kopf ständig gefordert." Unaufhaltsam stellte er sich immer wieder neue Aufgaben, die er bewältigen wollte, und es gelang ihm zusehends.

In seiner ersten Zeit im Rollstuhl realisierte er, mit welchen Problemen Behinderte im Alltag konfrontiert sind, was ihn dazu bewog, sich für deren Rechte einzusetzen. Zwischenzeitlich war er Vorsitzender der Behindertenbeiräte in Stadt und Landkreis Cloppenburg. Für sich selbst entdeckte Boris Guentel erneut, dass ihm körperliche Betätigung, wie sie bei der Fortbewegung mit einem Handbike erfolgt, gesundheitliche Vorteile bringt und so fuhr er täglich viele Kilometer. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen entschloss er sich schließlich, mit dem Gespann ohne Unterbrechung die Strecke von Cloppenburg nach Kappeln zurückzulegen. Bei dieser Aktion übertraf er sich selbst. Dies, weiß Guentel, ist seiner beständigen Selbstmotivation zu verdanken. Sein Motto lautet stets: „Es ist so ziemlich alles möglich, auch für Menschen mit Behinderung. Man muss nur seine Grenzen immer wieder ein Stück weiter nach vorne verschieben.“

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Schlüsselwörter:
Boris Guentel, Unfall, Rollstuhl, Handbike, Rollstuhlfahrer, Reha-Techniker, Pneumothorax, Schlaganfall, Sprachfindungsstörungen, Selbstmotivation, Herausforderung